Simon kann bald wieder bei Mama und Papa wohnen

03.05.2017 - 09:00

Simon war 8 Jahre alt, als er in der Wohngruppe Challenge aufgenommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt ist er nur noch selten zur Schule gegangen. Seine Mutter und sein Stiefvater waren hilflos seinem aggressiven Verhalten und seinen ausfälligen Bemerkungen gegenüber. „Was wir sagen, hilft nichts mehr. ‚Geht Euch doch nichts an, was ich mache’, schreit er uns an, wenn wir ihn auffordern, zur Schule zu gehen. Wir können ihn nicht zwingen. Was sollen wir tun?“

Die Kinder- und Jugendhilfe finanziert für Simon einen Platz in der Wohngruppe, um die Familie zu entlasten und zu unterstützen „Simon kam im zweiten Schuljahr mit den zunehmenden Leistungsanforderungen in der Schule nicht mehr zurecht. Er sah keinen Sinn im ruhig Sitzen und Lernen,“ erzählt Psychologe Michael Ecker. Er ist Fachlicher Leiter der Sozialpädagogischen Wohngruppe CHALLENGE. In der Wohngruppe werden insgesamt 9 Kinder ab 8 Jahren bis zum Ende der Schulpflicht betreut.

„Eltern wollen natürlich mit ihren Kindern gut zurechtkommen. Es ist beschämend für sie und mit Schuldgefühlen verbunden, wenn ihr Kind in einer Wohngruppe lebt, statt zu Hause. Sie erleben es aber auch als Entlastung und Erleichterung. Alles, was mit Schule und mit Lernen zu tun hat, wird während der Woche in der WG Challenge erledigt und hier begleitet.“ Die Wochenenden und die Ferien kann Simon so weit wie möglich zu Hause bei seinen Eltern und seiner 4-jährigen Schwester verbringen, stressfreier und unbeschwerter als bisher.

Die Betreuung in der WG, die Therapie und das Zusammenleben im Alltag geben Simon Orientierung, Schutz und Halt. Es dauert, bis er das spürt. Dann sagt er eines Tages: „Gut, dass ihr das alles ausgehalten habt mit mir.“  

Ecker: „Hier sind die Jugendlichen nicht allein. Sie werden an der Hand genommen und begleitet, damit sie die Schule schaffen, mit ihren Mitmenschen zurechtkommen und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Hier erleben sie Gemeinschaft. Jede/r einzelne ist wichtig. Ihr Selbstwert wächst. Sie werden zunehmend selbständig. Möglich wird das durch tragfähige Beziehungen zu den Erwachsenen. So eine Beziehung aufzubauen braucht Zeit.“

Simon ist jetzt 12 Jahre alt. „Er hat einen respektvollen Umgang gelernt, der sich mit vier Worten beschreiben lässt: Hallo, Tschüss, Bitte und Danke. Er hat gelernt, welche Auswirkungen sein Verhalten auf andere hat und weiß wie er wirkt. Er weiß, dass nach einem Streit nicht alles vorbei ist, sondern man sich in Ruhe darüber unterhalten kann, was einem da gerade so aufgeregt hat.“ Auch in der Familie hat sich die Situation spürbar entspannt. Simon wird bald wieder bei seinen Eltern wohnen können.

Respektvoller Umgang, Streitkultur, Kompromissbereitschaft, Selbstreflexion, Ruhe ... Für die Kinder ist die Wohngruppe wie ein Kompass auf einem steinigen Weg. Mit dem gemeinsamen Gehen wächst das Selbst, die Sicherheit und die Lebensfreude. Die Menschen, die die Jugendlichen begleiten, sind Profis in unwegsamem Gelände und gut ausgerüstet unterwegs.