Vorbildliche Integration als Abschiebegrund

12.07.2018 - 09:48

Zynische Begründung für Rücknahme des Flüchtlingsschutzes – Vorbildliche Integration als Abschiebegrund.

Ein Jugendlicher - soeben 18 geworden -, der als Lehrling in einem Restaurant in Linz arbeitet, hat einen Bescheid über die Aberkennung seines Flüchtlingsschutzes zugestellt bekommen. Und dies, obwohl sein Subsidiärer Schutz bis 2019 verlängert worden war. Grund der Aberkennung: Seine Volljährigkeit. 

Abbas* (Name geändert) aus Afghanistan, der ohne Eltern nach Österreich gekommen war, hatte großes Glück. – Er landete in der UMF-Wohngruppe des Diakonie Zentrums Spattstraße in Linz, wo ihm die BetreuerInnen Geborgenheit, ein Zuhause und ein Stück Normalität geben konnten. Er war wissbegierig und fleißig, hat rasch und gut Deutsch gelernt und ein weiteres Mal Glück gehabt: Er erhielt subsidiären Schutz, weil eine Rückkehr nach Afghanistan zu gefährlich für ihn wäre.

Die BetreuerInnen unterstützten den ehrgeizigen jungen Mann in seinen Bildungsbemühungen und er schaffte es, eine Lehrstelle in einem Restaurant in Linz zu bekommen. Inzwischen ist er erwachsen geworden und nun hat ihn das Glück verlassen. Er erhielt einen ganz und gar unglaublichen Bescheid. Sein subsidiärer Schutz wurde mit folgender zynischen Begründung aberkannt:

„Sie sind volljährig, weshalb Sie uneingeschränkt arbeitsfähig sind. Es ist zudem davon auszugehen, dass Sie in den letzten drei Jahren in Österreich sowohl an Beruf- und Lebenserfahrung als auch an Reife gewonnen haben. Wie sich aus einer Abfrage der ho. Behörde ergibt, besuchten Sie in Österreich Kurse und Lehrgänge, somit können Sie nun auch eine vergleichsweise solide Schulausbildung vorweisen. ... Es ist Ihnen daher zumutbar, bei einer Rückkehr eine Tätigkeit aufzugreifen und selbstständig für Ihren Unterhalt zu sorgen. Es wäre Ihnen auch zumutbar, zumindest anfänglich Ihren Unterhalt mit Hilfe- oder Gelegenheitsarbeiten zu bestreiten. Ihre Anpassungsfähigkeit, Ihre Flexibilität und Ihre Fähigkeit, außerhalb des Familienverbandes zu leben, haben Sie bereits durch Ihre alleinige Reise nach Österreich und Ihr Leben in Österreich bewiesen. Dies zeugt auch von einem hohen Maß an Selbstständigkeit.“

Abbas ist nicht gereist, er ist vor Krieg, Terror und Verfolgung geflüchtet. „Wenn ich nach Afghanistan zurück muss, werde ich von den Taliban getötet. Davor habe ich keine Angst. Ich bin mit dem Tod aufgewachsen. Ich habe Angst davor, dass sie mich am Leben lassen. Dann werden sie mir nicht mehr erlauben, selbst zu denken, zur reflektieren, meine Meinung zu sagen, Musik zu hören oder zu lachen. Ich habe Angst, gezwungen zu werden, Menschen zu töten. Aber das geht nicht. Ich kann nicht einfach einen Menschen töten“ sagt Abbas überzeugt und mit aufrechter Haltung."

Abbas ist einer von 351 Jugendlichen, die besonderen Integrationswillen zeigen, sich bemühen und engagieren und in Oberösterreich eine Lehrstelle gefunden haben. Viele dieser Lehrlinge sind nun von Abschiebungen bedroht. Die Petition „Ausbildung statt Abschiebung von Landesrad Anschober, die 52.000 Unterschriften erhielt, wird auch von Vertretern aus der Wirtschaft und aus ÖVP-regierten Gemeinden unterstützt.

Prof. Friedrich Schneider von der Johannes Kepler Universität in Linz hat errechnet, dass die Wirtschaft durchschnittlich 77.500 Euro in einen Lehrling investiert. Zählt man die Produktionseffekte dazu entsteht der Wirtschaft im Falle einer Abschiebung pro Lehrling ein Schaden von ca. 100.000 Euro. In einem Land das österreichweit händeringend nach FacharbeiterInnen sucht und in dem dreiviertel der Betriebe mittlerweile Schwierigkeiten haben geeignete Fachkräfte zu finden.

„Durch derartig zynische Entscheidungen kann niemand mehr gewinnen. Die Gesellschaft nicht, die Wirtschaft nicht, die HelferInnen nicht und die Flüchtlinge, die in eines der gefährlichsten Länder der Welt abgeschoben werden, am allerwenigsten“, so Christoph Riedl, Experte für Asyl, Integration und Menschenrechte der Diakonie Österreich.

Das Leben von jedem der/die nach Afghanistan zurückkehrt, ob freiwillig oder abgeschoben, ist in Gefahr sagte kürzlich die stellvertretende Leiterin des UNHCR Büros in Kabul, Patel Aurvasi bei einem Vortrag in Wien.

Wir sind uns sicher: Diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben eine Chance verdient, ein wertvoller Teil unserer Gesellschaft zu werden. Eine Abschiebung nach Afghanistan bringt niemandem etwas.