Aufsuchende Familientherapie – Hilfe, die nach Hause kommt

01.02.2021 - 09:00

Das Diakonie Zentrum Spattstraße bietet Hilfe, die nach Hause kommt. Gerade jetzt in der Corona-Zeit ist diese Hilfe für Familien besonders wichtig. Sie erreicht Kinder und Jugendliche, die überfordert sind, sich zurückziehen, das Gefühl haben, in der Luft zu hängen oder die sich total gefangen fühlen.

Es gibt Familien, die nicht mobil genug sind oder es zeitlich nicht schaffen ihre Kinder zu einer Psychotherapie zu bringen. Häufiger ist es aber so, dass die Hemmschwelle, zu einer Therapie zu gehen, sehr hoch ist. Das Diakonie Zentrum Spattstraße hat daher im Herbst 2020 mit der mobilen Psychotherapie in der Region Eferding/Grieskirchen gestartet. Trotz der erschwerten Startbedingungen im Corona-Jahr sind die ersten Erfahrungen sehr positiv. Psychotherapeutin Silke Springer gibt Einblick, wie es Kindern und Jugendlichen, die es schon bisher nicht leicht hatten, jetzt geht.

Hilfe, die nach Hause kommt

Die mobile Psychotherapie ist ein Angebot in den Bezirken Eferding und Grieskirchen in OÖ. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche, die bereits sozialpädagogische Unterstützung erhalten. Finanziert wird es von der Kinder- und Jugendhilfe. „Meist werden Kinder in der Schule auffällig oder bleiben über längere Zeit fern, so dass die Schule die Kinder- und Jugendhilfe informiert. Manche Kinder sind zu lange auf sich allein gestellt. Eltern machen sich Sorgen, weil sie mit ihrem Kind nicht mehr zurechtkommen und es nur noch Streit gibt. Wenn die Kinder nicht mehr zur Schule gehen, steigt der Druck von außen. Das ist eine typische Situation, in der Psychotherapie in den eigenen vier Wänden zum Einsatz kommt,“ beschreibt die erfahrene Therapeutin. Bei der Familie zu Hause zu sein, erfordert ihrer Ansicht nach sehr viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Denn man ist dort nicht immer ein gern gesehener Gast. Allerdings bietet es im Gegenzug einen viel rascheren Einblick ins gesamte Familiensystem. Z.B.: Wie ist der Umgangston, was sind die Streitthemen, welche Anknüpfungspunkte für einen gelingenden Beziehungsaufbau gibt es? Welche Ressourcen sind vorhanden, welche Belastungen fallen auf?

Kindern jeden Wunsch zu erfüllen führt zu maximaler Überforderung

Bei den Eltern nimmt Springer eine große Ratlosigkeit und Verunsicherung wahr, was die Versorgung von Schulkindern und Jugendlichen betrifft. „Eltern haben meist eine Vorstellung davon, wie sie Kinder gut versorgen. Es ist z.B. klar, dass Kleinkinder ausreichend Schlaf brauchen und daher am besten immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen sollten. Wenn die Kinder größer werden, verschwindet diese Vorstellung. Die Eigenverantwortung bekommt einen zu hohen Stellenwert. Auch versuchen Eltern den Kindern viele Wünsche zu erfüllen, ohne zu bedenken, was diese wirklich brauchen. Die Kinder wünschen sich z.B., nicht so bald ins Bett zu müssen, nur Pommes und Pizza essen zu können, noch ein Spiel am Computer spielen zu können ... Wenn Eltern all diese Wünsche erfüllen, führt das zur maximalen Überforderung der Kinder, denn Selbstbegrenzung braucht zuerst Grenzerfahrungen.“

Frau Springer liegen nicht nur die Kinder und Jugendlichen am Herzen, sondern auch die Eltern. „Eltern werden so oft vergessen. Dabei ist es zentral, dass diese verstehen, was mit ihren Kindern los ist und was diese brauchen.“ Auch ist es wichtig, Eltern zu stärken und zu verstehen, denn sie sind es ja, die die Familie tragen.

Ich fühl mich total gefangen

Ein Kind lernt mit einem Jahr gehen. Alle freuen sich an den ersten Schritten und ermutigen das Kind, es immer wieder zu probieren. Aus gutem Grund, denn das ist der Entwicklungsschritt, der in diesem Lebensalter ansteht. Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren lösen sich vom Elternhaus und machen Schritte in ihr eigenständiges Leben. „Entwicklungsaufgaben in diesem Alter sind das Hinausgehen in die Welt, berufliche Kompetenzen erwerben, Partnerwahl. All das dürfen Jugendliche jetzt nicht, und das schon fast ein Jahr lang. Es ist wichtig, dass wir Erwachsene verstehen, was da los ist. Da geht es nicht um Party machen. Da geht es darum, dass Entwicklung massiv gebremst wird. Das ist, als würde man ein einjähriges Kind, das gerade voll Eifer gehen lernen will, festbinden“, so Springer. Jugendliche drücken das auch so aus, wenn sie sagen „Ich fühl mich eingesperrt und total gefangen.“

Ich bin eh lieber allein

Problematisch sieht die Therapeutin die fehlenden Kontaktmöglichkeiten besonders für Jugendliche. Dem 15-jährigen Tom fehlen soziale Kompetenzen. Es fällt ihm sehr schwer, sich in einer Gruppe Gleichaltriger so zu verhalten, dass diese ihn nicht ausschließen. Daher zieht er sich mehr und mehr zurück. Das Distance-Learning in der Corona-Zeit kommt ihm entgegen. So braucht er sich wenigstens den Situationen in der Klasse nicht mehr aussetzen. „Ich bin eh lieber allein zu Hause als in der Schule, jetzt lacht mich wenigstens niemand aus“ sagt er. Nur: auf Dauer tut diese Isolation nicht gut. „Jugendliche lernen voneinander, wie man sich in einer Gruppe Gleichaltriger verhält. Wenn jemand dauernd aggressiv agiert, darf er nicht mehr mitspielen. Dieses Lernfeld fehlt jetzt völlig. Wir Erwachsene sind versucht, dauernd die Maßstäbe Erwachsener auf Kinder anzulegen, das ist eine Überforderung. Wir brauchen Verständnis. Es gibt Jugendliche, die haben schon fast ein Jahr verloren. Alles stagniert, nichts geht weiter. Das macht Angst, und Angst kann leicht zu Rückzug und Leistungsverweigerung führen“, erklärt Springer.

In der Luft hängen

Jenny mit ihren 16 Jahren ist rasch aus dem Home-Learning rausgefallen. „Sie kommt einfach nicht zurecht mit den Videos“ sagen ihre Eltern. Im Kontakt mit Jenny stellt sich heraus, was die Schwierigkeit ist: „Ich mag mein Bild nicht sehen, ich bin nicht schön und meine Stimme klingt auch fürchterlich“, meint die Jugendliche. „Ich will das nicht, ich schalte die Kamera einfach aus. Aber die Lehrer glauben dann, ich arbeite nicht mit und mich interessiert das alles nicht. Ich will schon lernen, aber nicht so. Ich hänge total in der Luft“. In Einzelkontakten übt Silke Springer mit Jenny, die Scheu vor der Kamera zu verlieren und den unterschiedlichen Klang der eigenen Stimme wahrzunehmen und damit vertraut zu werden. Jennys Eltern lernen zu verstehen, welche Unterstützung für ihre Tochter hilfreich ist. Sie werden ermutigt, nicht nur kurz etwas zu sagen, sondern auch dabei zu sitzen und manche Aufgaben zu kontrollieren.

Die größte Hoffnung bleibt verständlicherweise, dass bald wieder Normalbetrieb in den Schulen einkehren kann. Denn die Situation von Jugendlichen, die es bereits bisher nicht leicht hatten, zeigt sich durch die Corona-Maßnahmen massiv verschärft.

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