Es geht um die Stärken, nicht um die Defizite

20.04.2020 - 16:00

Es geht um die Stärken, nicht um die Defizite

Wenn ein Kind mit Beeinträchtigung geboren wird, sind Eltern zuerst einmal verunsichert und müssen ihren Traum von einem gesunden Kind loslassen. Eltern fühlen sich oft allein gelassen. Zusätzlich erschwerend ist der ausgeprägte Blick auf Defizite, mit dem sie konfrontiert sind. Um Eltern zu begleiten und Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, bietet das Diakonie Zentrum Spattstraße seit nunmehr 30 Jahren Frühförderung direkt in den Familien an. 2.200 Familien wurden bisher betreut. Später in der Schule erhalten Kinder dann Unterstützung von einer Assistentin. Jährlich werden ca. 1.100 SchülerInnen an 300 Schulen in ganz Oberösterreich betreut. Eines dieser Kinder ist die 13-jährige Lilja, die mit Freude lernt. 

Als Lilja mit Down-Syndrom geboren wurde, waren ihre Eltern mit vielen schlechten Nachrichten konfrontiert. Lilja wird nicht gestillt werden können, sie wird nur schwer laufen lernen, sie wird nicht reden können. Mama Anja Dürr erinnert sich, wie sehr sie ihr Baby einfach nur schützen wollte vor all den düsteren Aussichten, von denen sich keine bewahrheitet hat. 

Als Lilja ein Jahr alt war, beantragte Mama Anja Frühförderung. Die Formalitäten waren rasch erledigt und die Wartezeit damals noch gering. 5 Jahre lang kam Frühförderin Michaela Holzmann einmal wöchentlich zu Familie Dürr nach Hause. „Für uns als Eltern ist damit die Sonne aufgegangen. Endlich war jemand von außerhalb der Familie da, der Lilja so annahm, wie sie war, und der von Anfang an verstand, sie zu fördern. Für Lilja war es immer wie Weihnachten, wenn Michaela mit den ganzen Spielsachen und Fördermaterialien zu uns kam“, berichtet Anja Dürr.

Frühförderung – Hilfe, es selbst zu tun

Bis zum Schuleintritt wurde Lilja von der Frühförderung begleitet. „Besonders dankbar waren wir, dass Michaela die Methode des frühen Lesens anwandte und selber Materialien dafür herstellte. Außerdem lernte und benutzte sie Gebärden.“ Für Lilja waren diese Zugänge wichtig, um kommunizieren zu lernen und einen Wortschatz aufzubauen. „Das war eine enorme Unterstützung für uns,“ erinnert sich die Mutter. „Wir waren sehr froh über diese kreativen Wege. Denn bis heute ist die gesprochene Sprache nicht gerade Liljas Leidenschaft.“ Erleichternd war in diesen ersten Jahren auch, dass Frühförderin Michaela Holzmann einen klaren Fahrplan hatte. Sie wusste Bescheid über die nächsten Entwicklungsschritte und verstand es, Lilja spielerisch bei diesen Schritten zu begleiten. „Ich wollte Lilja einfach immer möglichst alle Steine aus dem Weg räumen. Michaela hat den Weg eröffnet, dass Lilja vieles selber machen kann.“

Kreativität als Schlüssel zum Lernerfolg

Frühförderin Michaela Holzmann erinnert sich an die Arbeit mit Lilja: „Die Familie ist sehr naturverbunden und oft mit Boot und Zelt unterwegs. So war für Lilja ein Stock gleich ein Paddel, das Rollbrett ein Boot und das ‚Angeln‘ von Kärtchen mit Wörtern fürs frühe Lesen eine Möglichkeit, spielerisch zu lernen.“

Die Frühförderin hatte schnell herausgefunden, welche Tricks und Kinderhelden sie einbeziehen konnte, um Liljas schlaue Vermeidungsstrategien zu umgehen. Die Mutter erinnert sich noch gut an die Karten und das Plüschtier vom Kleinen Raben Socke um Lilja Bezeichnungen wie „davor“, „dahinter“, „darunter“ usw. zu verdeutlichen. Auch an die vielen Materialien, um das Stiege steigen bzw. balancieren zu erlernen, denkt sie lachend zurück.

Was an Wortschatz gefestigt war, sollte allerdings nicht frühzeitig wieder in Frage gestellt werden. Auch diese Erfahrung machte die Frühförderin. „Lilja kannte schon als kleines Kind viele Tiere, auch viele exotische. Liljas Mama und ich gingen davon aus, dass die Bauernhoftiere keine Herausforderung mehr sind. Ich zeigte auf die Kuh und sagte: ‚Das ist ein Pferd!‘ und erwartete mir großen Protest. Lilja bestätigte aber und ab diesem Zeitpunkt war jede Kuh ein Pferd. Wir brauchten lange, um Lilja wieder vom Gegenteil zu überzeugen.“

Schulassistenz – Orientierung, Bestärkung und Begeisterung

Der Schuleintritt bedeutete für Lilja Abschied von den spielerischen Frühfördereinheiten. Während ihre Eltern gespannt waren, wie Lilja den Übergang meistern würde, freute sich das Mädchen, ein Schulkind zu sein. Als Integrationskind war sie in ihrer Volksschulklasse im Integrativen Schulzentrum in Traun schnell überall mit dabei. Ab Schulbeginn wurde sie dort von Schulassistentin Gabriele Starchl unterstützt. „Lilja mochte ihre Assistentin vom ersten Tag an sehr,“ erinnert sich Mama Anja.

Die Schulassistentin war Lilja anfangs behilflich, sich im Schulhaus und im Schulalltag zu orientieren. Sie gestaltete eine geeignete Lernumgebung für Lilja inmitten ihrer 21 MitschülerInnen. Lilja war in der Volksschule eines von drei Integrations-Kindern einer Integrationsklasse. „Lilja lernte, sich von Nebengeräuschen nicht ablenken zu lassen und auf ihre Aufgaben zu konzentrieren.“

Nach der Volksschulzeit konnte Lilja am Schulstandort bleiben. Sie besucht seither eine Sonderschulklasse – immer noch begleitet von „ihrer Gabi“. Heute ist das Verhältnis zu ihrer Schulassistentin für die Schülerin so vertraut, dass sie bei Familienausflügen immer schon plant: „Das muss ich Gabi zeigen!“ Mit Begeisterung klebt sie dann Fotos oder Basteleien von solchen Ausflügen in ihr Erzählheft und nimmt es montags mit in die Schule.

Und umgekehrt kommt Lilja mit Fotos aus der Schule nach Hause. Für die Eltern ist die Begleitung durch die Schulassistentin eine wichtige Unterstützung im Alltag: „Da Lilja nur in ausgewählten Situationen spricht, sind wir sehr dankbar, dass die Assistentin den Schulalltag auf Liljas i-Pad dokumentiert und wir so erfahren, was gerade Thema ist.“

Bei ihren beiden Söhnen hatte sich Mama Anja nie Gedanke darüber gemacht, wie sie es schaffen würden, in ihrem Umfeld akzeptiert zu sein. „Bei Lilja sind wir bis heute froh, dass es Menschen wie Frühförderin Michaela und Schulassistentin Gabi gibt, die sich Mühe geben, Lilja zu verstehen. Menschen, die Liljas Stärken kennen und sie einfach so nehmen und akzeptieren, wie sie ist. Menschen, die sich freuen über Liljas sonniges Gemüt.“

Facts:

Frühförderung

Seit 30 Jahren unterstützt die Mobile Frühförderung Kinder und ihre Familien. Begleitet werden Kinder mit Beeinträchtigungen und Entwicklungsverzögerungen bzw. -auffälligkeiten ab der Geburt bis maximal zum Schuleintritt. Neben der individuellen Förderung der Kinder daheim in ihrem vertrauten Umfeld ist uns auch die Zusammenarbeit mit den Eltern sehr wichtig. Für alle ihre Fragen, Ängste und Sorgen ist in der Frühförderung Platz. 

Seit Beginn der Frühförderung wurden insgesamt ca. 2200 Familien betreut. Sie finden in dieser ersten herausfordernden Zeit mit ihrem Kind professionelle Förderung und Begleitung. Die Warteliste ist lang. Die Frühförderung ist seit 2008 im Chancengleichheitsgesetz verankert. Finanziert wird das Angebot von der Abteilung Soziales des Landes OÖ.

Schulassistenz

Vor 30 Jahren wurden erstmals zwei Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung in Linz von einem Mitarbeiter des Diakonie Zentrums Spattstraße betreut. Damals war es war eine absolute Neuheit, dass eine schulfremde Person regelmäßig am Unterreicht teilnahm. Daraus hat sich ein flächendeckendes Angebot an Betreuung entwickelt, das aus dem oberösterreichischen Bildungssystem nicht mehr wegzudenken ist. Und es ist einzigartig in Österreich. In ca. 300 Schulen in Oö. arbeiten derzeit 540 AssistentInnen und betreuen jährlich ca. 1.100 Kinder.

Sie unterstützen Schülerinnen und Schüler im Unterricht und machen Lernen möglich. Ihre Tätigkeit ist so vielfältig und einzigartig ist, wie die Kinder und Jugendlichen selbst. Sie reicht von Hilfestellungen bei körperlichen Beeinträchtigungen über Hilfe bei der Vertiefung des Lernstoffs bis hin zur emotionalen Unterstützung auch während der Pausen und vielem mehr.

Die AssistentInnen – ca. 97 % sind weiblich – arbeiten im Team mit den Lehrkräften und leisten „Assistenz von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen im Schulalltag und in der pädagogischen Arbeit“. Finanziert wird das Angebot von der Direktion Bildung und Gesellschaft des Landes OÖ.

In Corona-Zeiten 

sind die Mitarberinnen der Frühförderung und der Schulassistenz in Kurzarbeit. In der Frühförderung erfolgt ein Teil der Beratungen über Telefon bzw. Videokonferenzen. Die Schulen sind nur sehr eingeschränkt in Betrieb.