Kinder unter Druck: Corona und die Kinderseele

02.02.2021 - 09:00

Wenn Kinder zu viel an Belastung erleben

Ängste von Kindern, Probleme beim Lernen, auffälliges Verhalten, Selbstverletzungen, Überforderung – all das sind sonst auch Themen in der Erziehungs- und Familienberatung des Diakonie Zentrums Spattstraße. Die Corona-Pandemie wirkt aber wie ein Brennglas. Sie macht Probleme noch deutlicher sichtbar, verdichtet sie und macht sie brisanter und dramatischer. Umso wichtiger ist es, dass jemand da ist, der zuhört und die Zuversicht stärkt. Irene Hanke und Carina Zweiner, beide Psychologinnen und Familienberaterinnen in der Diakonie, erzählen von ihren Erfahrungen und geben Tipps. Die Öffnungen der Schulen halten sie für dringend erforderlich.

Jugendliche, die nicht mehr aus dem Bett kommen

Wir erleben Jugendliche in einer ganz eigenartigen Lebenssituation. Die 16-jährige Laura bringt es auf den Punkt: „Ich schlafe im Bett und frühstücke im Bett. Wir haben nicht viel Platz in der Wohnung, also sitze ich auch beim Distance-Learning im Bett. Und wenn ich abends Filme schaue oder mich virtuell mit Freundinnen treffe, sitze ich wieder im Bett. Ich hab‘ das Gefühl, ich kann mich gar nicht mehr bewegen und überhaupt schwer zu etwas aufraffen. Es ist lähmend.“ Für Familienberaterin Carina Zweiner ist es daher kein Wunder, dass psychosomatische Symptome bei Jugendlichen stark steigen: „Haltungsschäden, Schlafstörungen, Schmerzen, Essstörungen ... nehmen zu.“

Im Gegensatz zu jüngeren Kindern sind 15-20-Jährigen häufig den ganzen Tag alleine zu Hause. „In der Lebensphase, in der sich entwicklungspsychologisch betrachtet Jugendliche von den Eltern abnabeln, müssen sie nun zu Hause bleiben. Altersgerecht wäre es jedoch, jetzt Leute kennenzulernen und sich zu erproben,“ beschreibt Irene Hanke.

Jugendliche, die das Alleinsein nicht mehr aushalten

Normalerweise helfen soziale Kontakte und das Erleben von Verbundenheit über Krisenzeiten im Leben hinweg. Jetzt hingegen erleben viele Jugendliche und auch Erwachsene ein starkes Gefühl von allein gelassen sein und Einsamkeit. Paul ist 15 Jahre und möchte eine Lehre als Elektriker machen. Jetzt ist er im letzten Schuljahr. Mit dem Alleinsein und dem Homeschooling kommt er nicht zurecht. „Ich bin den ganzen Tag lang allein in meinem Zimmer. Es ist nicht leicht, mich zu motivieren. Meine Eltern können mir auch nicht helfen und ich will das auch nicht. Aber ich komm nicht mehr mit beim Unterricht. Deshalb will ich auch nicht mehr in die Schule gehen. Mir fehlen meine Freunde. Ich halte das allein sein nicht mehr aus!“

„Wir erleben vermehrt Kinder und Jugendliche, die im Homeschooling den Anschluss verloren haben. Ihnen fehlen der direkte Kontakt und die Motivation, die das Zusammensein mit Gleichaltrigen und die Struktur des Schulalltags mit sich bringen. Sich selbst zu strukturieren ist für viele überfordernd. Das hat zur Folge, dass manche nicht mehr in die Schule wollen – um sich dem Gefühl des Versagens nicht aussetzen zu müssen. Zugleich leiden sie an der Einsamkeit,“ weiß Irene Hanke.

Die Gesundheit leidet bei Kindern und Eltern

Kleinkinder und Volksschulkinder finden noch leichter einen Umgang mit der aktuellen Situation, mit dem Tragen von Masken und mit den eingeschränkten Kontakten, als Jugendliche. Trotzdem nehmen auch bei ihnen die Ängste zu. Die Kinder spüren die Verunsicherung der Eltern und die gesamtgesellschaftliche Verunsicherung. Sie werden selbst unsicher und das äußert sich nicht selten im Verhalten. Kinder klagen dann mehr über körperliche Symptome wie Bauchweh oder Kopfweh. Sie wollen wieder öfter bei den Eltern schlafen. Manche entwickeln Schulangst.

Frau D. versucht, ihren Job, die Betreuung ihres dreijährigen Sohnes und die Unterstützung ihrer 9- jährigen Tochter beim Lernen zu Hause unter einen Hut zu bringen. Das ist schwierig und geht auf die Substanz: „Ich stehe morgens um 4 Uhr auf und arbeite bis 7 Uhr. Dann wecke ich meine Tochter, deren Unterricht um 8.00 Uhr beginnt. Sie geht in die Volksschule und kommt alleine mit dem Homeschooling nicht zurecht. Da kann ich die Arbeit einmal bis Nachmittag vergessen. Mein Mann hat es da leichter, der arbeitet im Büro. Ich komme erst am Abend wieder zum Arbeiten im Home- Office, da bin ich meistens schon sehr müde.“

Carina Zweiner beobachtet das jetzt häufig: „Für viele Eltern verschieben und verkürzen ihre Schlafenszeiten. Sie stehen früher auf und gehen später zu Bett, um möglichst alles erledigen zu können, was Job, Homeschooling und Kinderbetreuung erfordert. Paarthemen verschwinden vom Tisch und die eigene Gesundheit leidet darunter.“

Familien, denen das zwangsweise zusammen sein zu viel wird

Familien sind es nicht gewohnt, so eng und viel zusammen zu sein. Über manchen breitet sich eine Art Endzeitstimmung aus, die schwer zu durchdringen ist. „Normalerweise kann so mancher Konflikt ruhen, während die Eltern ihren eigenen Beschäftigungen nachgehen und die Kinder in der Schule sind. Jetzt begegnet man sich zwangsweise viel mehr,“ so Hanke. Den ersten Lock-down haben viele Familien noch wohltuend erlebt. Sie sind gestärkt aus einer Phase mit weniger Termindruck hervorgegangen. Nun nagen die Dauer, das Gefühl des Eingesperrt-Seins, die ungewisse Zukunft und die häufiger werdenden Konflikte stark an den Nerven. Es macht sich Resignation breit und es ist auf Dauer schwer, mit der Ungewissheit umzugehen.

In diesen Phasen ist die Perspektive von außen hilfreich: „Wenn mir wer von außen zutraut, dass ich was schaffe, dann kann ich es auch leichter schaffen. Zutrauen stärkt das Selbstvertrauen. Eltern dürfen auch was falsch machen. Wichtig ist, dass sie mit ihren Kindern im Gespräch bleiben. Mir ist es wichtig, Zuversicht in ein Gespräch zu bringen. Ich erlebe, wie Hoffnung in einer echten Begegnung wachsen kann. Die Menschen fühlen sich nachher erleichtert und bestärkt,“ so Hanke.

Persönliche Gespräche und heilsame Beziehungen

Außer Haus gehen, einen Termin wahrnehmen, jemand persönlich treffen – die Menschen, die jetzt in die Familienberatung oder zur Psychotherapie kommen, schätzen diese persönlichen Begegnungen, auch wenn sie dabei Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. „Hier werden sie ermutigt, Kleinigkeiten zu verändern, wie z.B.

  • Tagesablauf planen
  • Pausen machen
  • Soziale Kontakte aufrechterhalten
  • Miteinander reden
  • Kraft tanken
  • Störungsfreie Zeiten vereinbaren
  • Hilfsangebote nutzen

Oft genügen kleine Impulse von außen, die Situation wieder zu entspannen. Für viele Menschen ist es auch hilfreich zu hören, dass sie damit jetzt nicht alleine sind und es vielen so geht. Hilfreich ist esauch, nicht die ganze Pandemiezeit wie einen Berg vor sich zu sehen, sondern einen Tag nach dem anderen zu meistern,“ so Zweiner.

Kontakt

Familien- und Erziehungsberatung Linz Willingerstraße 21, 4030 Linz
Telefon: +43 732 34 92 71
E-Mail: familienberatung@spattstrasse.at

Studienergebnisse bestätigen die Erfahrungen

Massive Belastungen und steigender Druck bei Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise wird durch Studien bestätigt. Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk hat recherchiert.

Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit und Bauchschmerzen treten häufiger auf als vor Ausbruch des Virus. Die Anzeichen einer Angststörung stiegen von 15 auf 24 Prozent, hinsichtlich depressiver Symptome gaben 58 Prozent der Kinder und Jugendlichen an, dass sie an einzelnen Tagen keine Freude oder Interesse haben, etwas zu tun. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten insgesamt kletterte von rund 18 Prozent während der Corona-Krise auf 30 Prozent.

Depressive Symptome treten jetzt bei etwa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung auf. Vor der Corona-Pandemie lag dieser Wert noch bei vier Prozent. Auch Angstsymptome oder Schlafstörungen sind aktuell auf dem Höchststand von 16 Prozent. Besonders stark davon betroffen sind junge Leute, Frauen, Alleinlebende und Menschen ohne Erwerbsarbeit. Verschärft wird die Situation der Kinder durch beengtes Wohnen und geringes Einkommen.

Untersuchungen weisen weiters darauf hin, dass in der Pandemie Essstörungen zunehmen. Bei Patienten verstärkt sich der Drang und die Perioden der Essattacken.

Die Corona-Situation greift auf vielen wichtigen Ebenen die Basis an, die für eine gesunde Entwicklung wichtig ist. Kinder werden in ihrem natürlichen Neugierverhalten gebremst, körperliche und soziale Nähe ist eingeschränkt, die Eltern sind belastet, Großeltern oder andere ausgleichende Personen stehen nicht mehr zur Verfügung. Auch die soziale Problematik, drohende Armut, all das wirkt hinein und macht Druck.

Beengtes Wohnen, Existenzsorgen, Versagensängste oder unsichere Beziehungen in der Familie lösen großen, schlechten Stress aus. Die Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen können wir in drei Kategorien teilen:

  • Erstens wäre da die soziale Dimension. Das trifft Kinder und Jugendliche, die ohne erwachsene Bezugsperson aufwachsen oder in Familien mit finanzieller Not leben müssen.
  • Zweitens werden gesundheitsbezogene Risikofaktoren angeführt: zum Beispiel diagnostizierte psychische Erkrankungen in den Familien, traumatisierende Ereignisse wie Missbrauch und Gewalt, Tod einer nahestehenden Bezugsperson oder chronische physische Erkrankungen.
  • Drittens geht es um persönliche Unsicherheit wie eine instabile, verwirrende Elternbeziehung oder arge Erlebnisse mit Mobbing. Traumatische Erfahrungen und prekäre Bindungen sind oft Ursachen für seelische Verletzungen.

Quellen: COPSY-Studie (2020).
Comparing Mental Health during COVID-19 Lockdown and Six Months Later in Austria: A Longitudinal Study (2020), Donau-Universität.
Early Impact of COVID-19 on individuals with self reported eating disorders (2020). Mental Health in Austrian Teenagers Studie, MHAT (2017).